Ausstellung "Typisch Dithmarscher" von vorn
Wichtige Ausstellungstexte:

Einige Worte vorweg...
Nur wenige Landschaften im Norden grenzen sich so klar ab wie Dithmarschen - vielleicht noch die Halbinseln Eiderstedt und Schwansen, die Landschaft Angeln und natürlich die Inseln wie Usedom, Rügen und Fehmarn. Nicht einmal Friesland ist so sicher definiert, gibt es doch West-, Ost- und Nordfriesland, und wo diese Länder binnenwärts enden, bleibt irgendwie unklar. Von diesen Gebieten stellt sich allein Dithmarschen heute zugleich als ein geschlossener Landkreis dar, einhergehend mit einem besonders ausgeprägten, geradezu enthusiastischem Selbstbewußtsein der Dithmarscher - nirgendwo dürfte, ob öffentlich oder nicht, bei so vielen Anlässen und an so vielen Orten eine Fahne des Landkreises wehen wie in Dithmarschen. Kann man sich dagegen vorstellen, daß die Bewohner anderer Landkreise geschlossen als ”Rendsburg-Eckernförder” oder ”Schleswig-Flensburger” auftreten und sich gar so nennen?
Ihr Selbstbewußtsein, ihre Identifikation schöpfen die Dithmarscher aus ihrer Geschichte, besser aus Symbolen, liebgewonnenen Bildern ihrer Geschichte. Dieses Selbstbewußtsein bleibt einerseits bei vielen hier Geborenen, die nun woanders wohnen, haften und wirkt andererseits ansteckend für die Zugezogenen. Das bedeutet keinesfalls, daß die Dithmarscher ihre Geschichte besonders gut kennen, oft sogar erstaunlich unvollständig: es sind verkürzte und nicht immer stimmige Bilder, die ihnen ausreichen, und sei es nur die erhobene Faust auf das Schlagwort Hemmingstedt, den bedeutendsten Schlachtsieg in ihrer Geschichte.
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Wo sind sie denn, die Dithmarscher?
Vor 60000 Jahren lebten Neandertaler in Europa. Spuren damaliger Menschen gibt es auch in Dithmarschen. Die ersten Dithmarscher: Neandertaler?
Vor 2100 Jahren bedrängten Cimbern und Teutonen aus dem Norden die Römer. Waren die Teutonen Dithmarscher?
Vor 1600 Jahren wanderten Sachsen (und Angeln) über die Nordsee nach England ein. Auch Dithmarscher Sachsen?
804 eroberte Karl der Große das nord-elbische Sachsen, auch Dithmarschen. Fränkischer Zuzug nach Dithmarschen?
Im 12. bis 14. Jahrhundert entstanden zahlreiche Siedlungen in der neubedeichten Marsch. Zuzug nach Dithmarschen?
Während der Wirtschaftsblüte des 16. Jahrhunderts zog es viele mit nicht einheimischen Namen nach Dithmarschen.
Vor allem mit der Bedeichung des Kronprinzenkooges wanderten ab 1787 Ostfriesen in die Südermarsch ein.
Im Gefolge von Industrialisierung, Landwirtschaftsboom und Kanalbau blieben in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts Auswärtige in Dithmarschen hängen - oft Arbeiterproletariat (= sozial abgestiegene, verarmte Arbeiterschaft).
1945 erlebte Dithmarschen einen riesigen Zustrom von Flüchtlingen aus Ostpreußen, Pommern und Schlesien, viele blieben im Lande. Neue Dithmarscher?
Heute: Wachsende Mobilität, ”Stadtflucht” solcher, die sich hier ein ruhiges ländliches Leben versprechen, sowie ausländische Immigranten bringen neuen Zuzug - zugleich ziehen Einheimische weg.
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Was man so "weiter unten" von Dithmarschen und Dithmarschern weiß
Kennt man Dithmarschen in Süddeutschland überhaupt? – Eva Drechsler befragte 31 landfremde Bundesbürger – mit interessanten Ergebnissen aus dem Rheinland und den alten Bundesländern südlich der Mittelgebirge.
Hinterm Mond?
Nicht ganz so schlimm, aber elf Befragte konnten gar nichts mit Dithmarschen verbinden, zwei weitere siedelten es in Holland oder ”im Osten” an, der Rest richtig im Norden.
Einen Dithmarscher Ort nennen?
Einige hielten Dithmarschen für einen Ort, zwei nannten Heide, einer Wesselburen (woher seine Mutter stammte), einer Büsum, eine Eiderstedt (!), der Rest nannte keinen. Immerhin kannten einige Büsum – auf Nachfrage!
Welches Nummernschild?
Nur einer, aus Itzehoe stammend, nannte richtig HEI, elf andere machten die gezeigten falschen Vorschläge, der Rest wußte nichts.
Den Dithmarschern eine Eigenschaft zuordnen...
”Stures Völkchen, verschlossen, ”nicht weltoffen”
”zurückhaltender, nicht so offen”
”stur”
”dickköpfig”
”nordisch kühl”
”wetterfest”
”evangelisch”
”bäuerlich”
”fahren gerne Fahrrad”
”neugierig, stolz auf ihr Land, ”fremdenfeindlich”
”standhaft bei jeder Brise”
”große breite Füße” (!)
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Mundart und Sprüche in Platt und Hoch
Als der ehemalige Landrat Süderdithmarschens vor 50 Jahren dorthin kam, erhielt er folgenden gutgemeinten Rat: "Das müssen Sie wissen, Herr Landrat: In Marne, Heide und Wesselburen geht es eigentlich nur ums Geld."
Mehr von der Mentalität erfährt man über die platt- oder niederdeutschen Sprache, die immer noch örtlich ihre Besonderheiten hat, wie rechts die Karte der aussterbenden Abwandlungen des Wortes "Adebar" (Storch) verdeutlicht (nach Mensing).
Dithmarschen ist sprachlich n
icht einheitlich; die Übereinstimmungen der grenznahen Teile mit den Nachbargebieten sind viel größer als innerhalb des Landes. Auf den Norden beschränken sich süm oder sem für 'Sie' oder 'Ihnen'. Ganz im Nordosten spricht man das g schon als ch wie in Nordfriesland und im Schleswigschen (de chute Chrütt). Quer durch Süderdithmarschen läuft eine Sprachgrenze  zwischen jüm in Norden und ji oder ju im Süden für 'Ihr'. Auf Dithmarschen beschränkt ist z. B. das absterbende Wort Flerling statt des üblichen Sommervagel für Schmetterling.
Ein Dithmarscher erteilte einem Fremden auf die Frage nach der Uhrzeit die Auskunft: mien Klock is half twei, darauf der Fremde: denn smiet er man gans twei - in Teilen Dithmarschens sagt man twei statt dem üblichen twee für zwei.
De Harbleker hebbt de Sünn all an'e Lien (haben die Sonne schon an der Leine) sagte man in Lunden bei sinkender Sonne - der Harbleker Koog liegt westlich am gegenüberliegenden Eiderufer.
Baben in Hemm un nerrn in Tiebensee sagte man zu jemand, der Jacke und Hose abgeworfen hat, ein Wortspiel auf den Ort Hemme und das Wort Hemd; Tiebensee ist der Nachbarort von Hemme.
Hier is de Friede Gottes un Püttjer ut Windbargen bei großer Unordnung; in Windbergen gab es Töpfereien; Töpfer galten (zu Unrecht) als unordentlich.
Spott auf das früher häufige Vorkommen des Namens Tels(ch)e: Dag, Telsche. - Dank, Telsche. - Hesst mien Telsche ok sehn? - Ja, mien Telsche und dien Telsche weern erst bi Telschemeller er Telsche. (Telschemeller = Tante Telsche)
Fellern is dat hoge Fest, Klev is dat Swölkennest, Hennstedt is de hoge School, Wiemerstedt is de Poggenstohl - solche Spottreime auf andere Dörfer finden sich in vielen Abwandlungen:
Hamborg is'n grote Stadt, Büsum dat will ok noch wat, Diekstrek is'n Waterpohl, Diekhusen is'n Schietstohl.
Borg is dat allerbest, Buckholt is en Rottennest, in Kuden sünd de rieken Gäst, Brickeln is en Waterpohl, Quickborn is en Schietstohl.
In Linden is nix to finden, in Pahlen is nix to halen, dor staht alle Dörn apen und dor is ok nix in Grapen.
Na Wesseln, Lunn un Loh gaht all de Schelm un Deef na to.
Leher Pack hett Lüs op de Nack.
In Lunn sünd mehr Spitzboven as Hunn.
(Fellern: Fedderingen, Lunn: Lunden, Swölken: Schwalben, Poggenstohl: Pilz, Pohl: Teich, Schietstohl: Latrine, Deef: Diebe, Lüs: Läuse, Hunn: Hunde)

Wat maakt de Kalwer? fragte man die Büsumer neckend, weil sie einmal ein Feld mit Kuhsamen bestellt haben sollen in der Hoffnung, es würden Kühe wachsen.
Bi Büsum (oder bi Windbargen) is de Welt mit Bred tonagelt.
Dithmarscher Magen is mit Blick beslagen
- der blechausgeschlagene Magen steht für Ess- und Trinkfestigkeit.
(Quelle: Otto Mensing, Niederdeutsches Wörterbuch, 1927 ff
.)
Scheun schier
- ein eigentlich unübersetzbarer Ausdruck, den man in Dithmarschen häufig hört, wenn alles ordentlich gemacht ist, alle Kanten gerade sind und alles, was das Befinden so stört, beseitigt ist - z. B. nach Kahlschlag im Garten.
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Von "mennigen und seltzamen Koppen": Mythos Dithmarscher vor Jahrhunderten
Se hebben alle Tidt ein wrevelich, mottwillich, stridtbar Volk gewesen - so muß es selbst der Dithmarscher Chronist Neocorus 1596 einräumen, als es um seine Büsumer Landsleute ging. Doch trotz Blutrache und ständiger Geschlechterfehden funktionierte die Bauernrepublik bis 1559. Die Beredsamkeit und Verhandlungskunst der Bauern war Legende. Dazu kam einen guter Schuß Hochmut, der sie auch bei Verbündeten immer wieder unbeliebt machte - so bei ihren Handelsreisen z. B. nach Riga. Andererseits war ihre Gastfreundschaft groß:
Daß ist ein Landt, dar muß man sich auß freße unnd auß sauffe, schreibt Neocorus. Der Lobesvers eines anderen lautet:
De Dithmerschen sind gar witt bekennt / Se sindt up alle Ding behendt / Van Natur geschwind im Rechtegang / Dat hengt ehn an ehr Leven lang.
Repräsentativ im Positiven wie im Negativen war der Regent Peter Swyn, der z. B. selbstbewußt mit einem bei Hemmingstedt erbeuteten Wams, kombiniert mit einer hausgewebten Hose, auf einem Fürstentag brillierte. Die reichen Dithmarscher Bauern kleideten sich nach der Mode; nur die lange Hose wich davon ab.
Die Regentenfamilie Swyn lebt noch in dem Ausdruck ”Dat’s ’n Swinschen Staat” (für Pracht) fort.
Nach dem Sieg bei Hemmingstedt 1500 entstanden zahlreiche Ruhmeslieder:
De sick jegen Ditmerschen setten will / de stelle sick woll thor Wehre / Ditmerschen dat schölen Buren sind / it mögen woll wesen Heren,
heißt es in einem, oder auch:
Seggt dem Koninge gude Nacht / He hefft uns braden Höner gebracht / Tastet tho, gi leven Gesten / Ditt gifft uns Koning Hans thom besten / Gistern weren se alle rike / Nu steken se hir in dem Schlike / Gistern dor vöreden se einen hogen Moott / Nu hacken ehn de Raven de Ogen ut.
(Sagt dem König gute Nacht, er hat uns gebratene Hühner gebracht [Kriegsbeute], langt nur zu, ihr lieben Geste, dies gibt uns König Hans zum besten, gestern waren sie alle reich, nun stecken sie hier im Schlick, gestern führten sie hohen Mut, heute hacken ihnen die Raben die Augen aus.)
Selbst nach der Niederlage und Eroberung durch die Fürsten 1559 schafften es die Dithmarscher Unterhändler trotz aller Demütigungen, in Verhandlungen viele Vorrechte und das Fortbestehen der Selbstverwaltung herauszuschlagen.
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Die Frauenkleidung des 16. Jahrhunderts: ein ausgedientes Markenzeichen
Unverwechselbar war im 16. Jh. die Kleidung der verheirateten Dithmarscherinnen mit der schwarz-roten Kagel und ihren rechtsseitigen Zierknöpfen.
Von links nach rechts: Dithmarscherin als Randfigur auf der Böckel-Karte von 1559 mit lang geschwänzter Kagel; Jungfrau (mit kronenartiger ”Peel”) und verheiratete Dithmarscherin nach Neocorus, um 1595; Frau Swyn auf einem Gemälde von 1552.
Schon Anfang des 17. Jh. setzte sich Modekleidung wie bei den Frauen des Heider Landschreibers Rasche durch (rechts unten), die Kagel starb aus. Bei den meisten in heutiger Zeit wiederbelebten ”Trachten” verzichtet man zugunsten der Modefrisuren auf die Kagel. Unten metallene Trachtenfiguren von 1934 vom Marner Müllenhoff-Brunnen.
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Brennpunkte Dithmarscher Selbstverständnisses: Dusenddüwelswarf und Hemmingstedt
Dithmarscher berufen sich gerne auf den Sieg bei Hemmingstedt 1500. Ist es irgend hinzubiegen, haben auch persönliche Vorfahren mitgekämpft. Symbole und Bilder der Schlacht zählen früher wie heute, sei es beim Dusenddüwelswarf-Denkmal (unten) und seinen Entwürfen (oben links), auf Notgeld oder beim naiven (frech veränderten) Cover eines Naziromans oder eines heutigen Videofilmes.
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Eeten und Drinken
In Dithmarschen kocht man norddeutsch - erkennbar an weiter im Süden unüblichen Kombinationen von deftig und süß,  z. B. von fettem Räucherfleisch und Fruchtsoße. Traditionelle Spezialitäten, die auf Dithmarschen beschränkt sind, gibt es nicht - selbst den Mehlbeutel kannte oder kennt man in Nachbarlandschaften, allerdings unter anderen Namen.
Mehlbüdel ist ein Teig aus Mehl, Eiern und Milch (siehe rechts) - mit vielen Abwandlungen. Oft kocht man ihn umhüllt von Schinkenscheiben; bunter Mehlbüdel enthält Rosinen.
Traditionell sind oder waren Gerichte wie Gassengrütt (Gerstengrütze) oder Grütze von anderen Getreidesorten oder Buchweizen, Birnen, Bohnen und Speck, wozu bestimmte Kochbirnen dienten, Grünkohl mit Kochwurst und Räucherspeck (in Dithmarschen werden Kartoffeln und Kohl häufig nicht zusammengemust), früher auch grote Bohnen in Milch oder Fleischbrühe gegart. Beim Schlachter gibt es Grützwurst mit Rosinen oder Eierleberwurst. Beliebt ist eine süße Suppe aus Holunderbeeren mit Grießklößen (Klüten) und Apfelscheiben (Flederbersupp).
Seefisch und Krabben (heißen in Dithmarschen Kruut und nicht Porren wie in Eiderstedt) spielen außer in den Küstenorten erst seit den Konservierungs- und Kühlmöglichkeiten eine größere Rolle. 
Beliebte Gebäcke sind oder waren Abenskater (Ofenkater, Teig ähnl. Rosinenstuten), urprünglich in einer Tonform mit Speckscheiben bedeckt am Backtag zusammen mit dem Brot im Ofen gebacken, oder Förtchen (bedeutet eigentlich "Fürzchen", in Dithmarschen Futtjen oder Braadballen genannt), die in speziellen Pfannen in Fett gesotten werden, wie 'Berliner', aber viel kleiner. Bunten Stuten (Rosinenbrot) ißt man gerne mit Mettwurst belegt.
Angestammte Dithmarscher halten es mit Beer (Bier) und Köm (Kümmel), wenn es um Alkoholisches geht. Ganz ausgestorben ist das obergärige eigengebraute Bier, aus dem man mit Brot und Zucker oder Sirup eine Biersuppe, das früher beliebte Warmbeer, herstellte.
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Ungeliebte Nachbarn: Holsten, Eiderstedter, Stapelholmer und Hadelner
Vor Jahrhunderten soll man in Stapelholm die Bauernglocken (unten, in Erfde) geläutet haben, wenn die Dithmarscher einfielen. Mit Sicherheit haben Eiderstedt und Nordfriesland im 15. Jahrh. unter den Dithmarschern gelitten - Kort Widderik hatte sich im Turm der Pellwormer Kirche eingenistet (rechts), bis der einzustürzen drohte; dann plünderte er die Kirche und raubte die Taufe, die nun in Büsum stehen soll.
Auch in späteren Zeiten ärgerten sich die Dithmarscher über die Eiderstedter Junker auf der einen und die Wilstermarscher Keesbuurn auf der anderen Seite. 
In der Wilstermarsch hieß es nu geit vör’t Holstenreck (nun geht es an die Holstengrenze), wenn handgreifliche Auseinandersetzungen mit den Dithmarschern anstanden.
Mit Donner Kosacken künnt sik man packen, se künnt sik man verwahren vör de Kudenseer Husaren ärgerten die Kudenseer Kinder (Wilstermarsch) die Dithmarscher vom nahen Donn.
Ende gut, alles gut, kopplangs to de Huusdör rut; so gung dat unsen Musje vun de Güntsied, as he sik opspel as so’n lütt Eddelmann (...so ging das unserem Monsieur von der anderen Seite, als er sich wie ein Adliger aufspielte) reimte man in Burg über jemand von der anderen Elbseite.
Wenn Stapelholmer Marktfrauen in Heide Holmer Röwsaat (Rübsaat) anboten, riefen die Kinder Schelm- un Deefsaat
Der Eiderstedter Chronist Peter Sax hat 1640 in seiner ”Dithmarsia” alle ihm bekannten Urteile über Dithmarscher zusammengestellt. Meistens fallen sie nicht günstig aus - kein Wunder, wenn überwiegend Gegner Dithmarschens das Wort haben. Auszug: Ein Volck, mit dem sich die Holstein für und für schlagen, und überwerffen müßen, eß kan sich Hoen und Gewalt übel enthalten, darumb daß Sie Ihren Adell deß Sie sich rühmen, und ihre Stärcke, die sie Ihnen zumeßen, Jederman fürziehen, und wollen nicht leiden, daß man Sie Andern gleich achte, Sie ziehens für großen Schaden an, und achtens tewr, so Jemandts von den Ihren erschlagen, achten Sie es für gering, wen Sie Schaden gethan, und Gewalt geübet haben, sein Sie die Ersten, so da Klagen, und können schwerlich ruhe, und Friede halten, hören mit Zörnen und Feindschaft nicht ehe auf, Sie haben dan Ihren Widerpart gedubbelt mehr Schadens zugefüget, alß Sie empfangen haben...
Oder an anderer Stelle heißt es über die wegen der Verbrennung Heinrichs von Zytphen oft als Mönkensmöker verspotteten Dithmarscher:
Ob sie gleich viel geloben, so halten Sie doch nichtes, Ihre Feinde die Sie beweltigen, tödten sie grewlich.
Zur Zeit der Dithmarscher Bauernrepublik traf man sich im Niemandsland auf dem Kuckwall, einer verlassenen Burgstelle am Grenzbach zu Holstein, um über gegenseiteige Streitigkeiten zu befinden. Schwache Spuren sind heute noch übrig.
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Mißgunst, Spott und Zwietracht: Gespaltenes Dithmarschen?
Dithmarschen war von 1581 bis 1970 zweigeteilt; dabei gehörten der fürstlich-gottorfische Norderteil und der königlich-dänische Süderteil bis ins 18. Jahrhundert hinein zwei meistens verfeindeten Herrschaften an. Die dicht bei Heide verlaufende Grenze war wiederholt eine ”Front”. Damals vertiefte Gegensätze wirken teilweise bis heute nach.
Interpretation der alten Nummernschilder: HEI: Hilfe, ein Idiot!
MED: Mutti, ein Dussel!
Gott schütze uns vor Leid und Weh und vor dem Zeichen MED!
Vor allem die Frühzeit der Dithmarscher Bauernrepublik ist von ständigem Streit und blutigen Fehden gekennzeichnet. Einem regelrechten Bürgerkrieg hat 1434 Heide seinen Aufstieg zu verdanken - als Versammlungsort der zuletzt siegreichen Partei.
Heide und Meldorf haben immer um das Sagen in Dithmarschen gestritten. ”Heider gottsleider” sagte man in Meldorf gern. Worum es bei der handgezeichneten Postkarte links geht, ist nicht mehr klar, aber Heide wird verspottet: ”Genieße, was dir Gott beschieden, entbehre gern, was du nicht hast!”
Der Kartenausschnitt von 1732 zeigt den damals strittigen Grenzverlauf südlich von Heide. Zwei gegenüberliegende viereckige Schanzen zeugen von alter Feindschaft, ebenso der bei n eingezeichnete Pestgalgen.
Noch heute stehen Grenzsteine zwischen Norder- und Süderdithmarschen, z. B. am südlichen Ortsausgang von Heide (unten). ND steht für Norder-, SD für Süderdithmarschen.

Der Marschbauer sieht mit einer gewissen Geringschätzung auf den Geestbauern herab, daher der Rat eines dithmarscher Bauern: mien Söhn, blief du in’e Masch, dor buten is allens Geest! (nach Mensing, Niederdeutsches Wörterbuch)
Wenn es um die Verwandtschaftsbeziehungen einer Marschfamilie geht, zählt jeder Name und genaue Herkunft - solange es sich um Marsch handelt, sonst hieß es oft einfach ”de is vun de Geest” .
”Der Geestbauer ... ist körperlich und geistig von dem Marschbauern verschieden ... Der schwere hochgewachsene Marschbauer hat schon einen anderen wiegenden Gang als der hagere Bewohner der Geest. Jener prahlt wohl manchmal, dieser ist zurückhaltend.” Nach Otto Lehmann, Hausgeographie von Dithmarschen.
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Aufsässigkeit und Protest aus dem platten Land
Wenn es um tatsächliche oder vermeintliche Rechte der Dithmarscher geht, werden sie schnell aufsässig. Die jüngsten Angriffe richteten sich gegen den ’Synthesebericht’ und den Nationalpark Wattenmeer (rechts) sowie gegen Kontrollen beim Einsatz der ausländischen Erntehelfer (Mitte links). Dann ist Besonnenheit nicht gefragt.
Als 1838 das Vorrecht der Zollfreiheit Dithmarschens (gegen Entschädigung!) kassiert wurde, ließ dieses nachts an eine Pumpe in Heide geheftete Pamphlet den dänischen König einen Pakt mit dem Teufel eingehen.
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Feste, die man schon früher feierte - Spiele, die es schon lange gibt
Dithmarscher feiern gerne ihre traditionellen Feste - nie genau wie ’früher’, sondern angepaßt an Erfordernisse der Gegenwart. Bis auf das in Nordhastedt gefeierte Frunsbeer und das auf die 'Eggen' des Ortes Heide beschränkte Hahnebier gibt oder gab es diese Feste auch in den Nachbargebieten.
Das Heider Hahnebier geht auf das jährliche Abrechnungsfest einstiger Flurgemeinschaften, den Eggen, zurück. Anfang des 19. Jahrh. wiederbelebt, wird es zur Faßnachtszeit mit Umzug, Sitzung und Festball gefeiert.
Ein sehr originales Dithmarscher Fest ist das Nordhastedter ’Frunsbeer’ (alle drei Jahre), das die sagenhafte Bezwingung von Räubern durch mutige Frauen aus dem Dorf zum Thema hat.
Das Maifeuer findet jährlich in der Walpurgisnacht vor dem 1. Mai statt - ein an der Westküste nur auf Dithmarschen beschränktes Fest.
Kindervogelschießen gibt es seit dem 19. Jh. in Anklang an Feste der Schützengilden, wobei ein Ziel auf der Vogelstange (links, 18. Jh.) zu treffen war - ursprünglich als Wehrübung.
Beim Rolandreiten mußte man den Schild treffen, ohne den Aschenbeutel der sich drehenden Figur abzubekommen. Es gilt die Zahl der Drehungen.
Beim Ringreiten muß der galoppierende Reiter möglichst oft den am Gerüst aufgehängten Ring mit einem speziellen Gerät, dem Stecher, herunterholen.
Boßeln heißt ein Mannschaftswettkampf, bei dem Werfer(innen) eine mit Blei gefüllte Holzkugel (Boßel) durch Wurf so weit es geht befördern müssen, so daß die Mannschaft für die Gesamtstrecke möglichst wenige Würfe benötigt.
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Ausstellung "Typisch Dithmarscher" von vorn

Tradition aus der Retorte
Seit über 100 Jahren, vor allem seit ca. 1990, wurden ‘historische’ oder ‘landestypische’ Feste entweder wiederbelebt (z. B. Schwertertanz) oder neu geschaffen (z. B. Marktfrieden), oft eine Mixtur aus Idealismus und umsatzfördernder Absicht: mit Glück ein Ansatz zu neuen Traditionen.
Der Schwertertanz ist um 1600 aus Büsum bezeugt. Im 18. Jahrh. eingegangen, wurde er Anfang des 20. Jahrh. unter freier Ausgestaltung des spärlich überlieferten Rituals wiederbelebt und steht heute für Albersdorf.
Seit 1990 findet in Heide das ’Marktfrieden’-Fest statt, ein dreitägiges Spektakel aus Trachtentänzen, Volkstheater, Schauhochzeit, Umzug und ’Mittelalter’-Markt. Bezug ist die Zeit der Bauernrepublik 1447-1559, in deren Landrecht der Marktfrieden als besonderer Rechtsfrieden auftaucht.
Das Meldorfer Weberfest knüpft an die seit einem Jahrhundert bestehende Kunstweberei der Stadt an.
Noch nach dem Heider Marktfrieden schuf man in Burg nach der Sage von der Ermordung Graf Rudolfs in der Bökelnburg (1145) ein Fest mit historischem Schauspiel.
Selbst die ’Dithmarscher Kohltage’ können auf historische Rückgriffe nicht verzichten, wie aus der Kleidung der ’Kohlregentinnen’ mit ihren (sehr frei gehaltenen) Anklängen an Frauenkleidung des 16. Jahrh. deutlich wird. Kohlanbau spielt hier erst seit etwa 1900 eine größere Rolle.
Für die Trachtengruppen seien hier die seit 1981 bestehenden ’Wöhrdener Kageln’ genannt, die sich vergleichsweise eng an die Frauenkleidung des 16. Jh. halten.
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Die Klischees für Touristen, die Klischees der Touristen
Glaubt man der touristischen Werbung, besteht ganz Dithmarschen aus Badestrand, Deichen, Schafen, Leuchttürmen, Seehunden und Fischkuttern. Mit stillen Waldwegen, Bauernhöfen mit Knuddeltieren, mit historischen Festen, Städten und Stätten im Hinterland. Viele Ersttouristen sind überrascht, statt dauerndem Badespaß meistens glitschiges Watt zu finden.
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Wen rechnen die Dithmarscher zu ihren "Großen"?
Wenn es ihnen um ihre Großen geht, sind Dithmarscher großzügig. Während viele Flüchtlinge oft noch nicht einmal in der zweiten Generation dazugerechnet wurden, zählt Wulf Isebrand, der Held von Hemmingstedt 1500, natürlich dazu, obwohl er sich aus den Niederlanden nach Wöhrden eingeheiratet hatte. Sogar der Komponist Johannes Brahms, der Dithmarschen vielleicht nie betreten hat, gilt für die Dithmarscher als einer der Ihren - sein Großvater war als Lumpenhändler nach Heide geraten, sein Vater in seiner Jugend schon nach Hamburg gezogen.
oben: Karl Müllenhoff (1818-84) aus Marne, der große Sammler schleswig-holsteinischer Sagen und Märchen, später in Kiel
li.: Der Komponist Joh. Brahms (1833-97), für Heide beansprucht
oben: Klaus Groth, der bedeutendste niederdeutsche Dichter (1819-99) aus Heide, später Professor in Kiel
unten: Wulf Isebrand, der Held der Schlacht bei Hemmingstedt 1500, durch H. Groß zum nationalsozialistischen Idol stilisiert
unten: Gustav Frenssen (1863-1945), Pastor aus Barlt, später erfolgreicher Romancier (’Jörn Uhl’), verfiel zuletzt dem Nationalsozialismus
oben: Claus Harms (1778-1855), streitbarer evangelischer Prediger aus Fahrstedt bei Marne, förderte als einer der ersten die niederdeutsche Sprache
oben: Der Dramatiker Friedrich Hebbel (1813-63), geboren in und geflohen aus Wesselburen, in Wien erfolgreich
Wen der folgenden nicht mehr lebenden Dithmarscher zählen Sie zu den ’Großen’? Markieren Sie ihn mit einem Klebepunkt!
Nicolaus Bachmann, Maler und Bildhauer
Hermann Glüsing, Bauer und Politiker
Willi Graba, Maler
Hans Gross, Maler und Grafiker
Claus Heim, Renaissanceschnitzer
Barthold Georg Niebuhr, Historiker
Peter Swyn, Regent
Gustav Adolph Thomsen, Bauer und Politiker
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Dithmarscher Fernsehprominenz
Mehr Dithmarscher als mancher denkt waren oder sind häufiger mal im Fernsehen zu sehen. Es kommt darauf an, wen man dazurechnet, z. B. die streitbare Umweltministerin in Düsseldorf, Bärbel Höhn, die in Heide ihr Abitur machte, oder den Berliner Wahldithmarscher E. Mrugalla, der durch gefälschte Malerei bekannt wurde. Oder der frühere Finanzminister Roger Asmussen, geboren bei Bremen, der 1987 durch eine kritische Haltung in der Barschel-Affäre hervortrat und seit langem bei Heide lebt.

Typisch Dithmarscher: ein Fazit
Dithmarscher und Dithmarschen liegen voll im Trend der Zeit: Je weniger Besonderes sich noch findet, desto mehr bemüht man sich um (scheinbar) Unverwechselbares. Fast alles, was landestypisch sein soll, findet man auch bei Nachbarn Dithmarschens: Deiche, Wind, Knicks, Schafe, Kohl, Krabben, Sturheit ... Und die typische Aufsässigkeit oder Freiheitsliebe (je nach Blickwinkel)? In vielen ländlichen Gegenden fern der Städte denkt man ebenso. Die Europäisierung unserer Vorstellungen geht mit einer weitreichenden Normierung einher. Typisches gibt es nur rückblickend: selbst dort weniger, als wir wahrhaben wollen. Besonders an den Dithmarschern ist es aber, sich als etwas Besonderes zu fühlen.
Was ist übrig von (vermeintlich) jahrhundertelanger Tradition?

Alles, was Dithmarschen ausmachen soll und was man gern für typisch hält, hat der Brunsbütteler Grafiker Jens Rusch gleichsam auf den Punkt gebracht und in seiner Collage aneinandergefügt, ergänzt um die Silhouette der Heider Volks- und Raiffeisenbank, dem Auftraggeber (und Spender dieses Druckes).
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Nachtrag: Herkunft und Deutung des Namens Dithmarschen
Kurz gesagt, heißt Dithmarschen Großmoorland. Da die Begründung nicht so kurz zu machen ist, hier ein Auszug aus Wolfgang Laur's Historischem Ortsnamenlexikon von Schleswig-Holstein, 2. Auflage, Neumünster (Wachholtz Verlag) 1992, 212-213. Wer sich näher dafür interessiert, sollte sich das Buch und andere Werke des anerkannten Ortsnamenforschers besorgen. Vor Hobby-Namensforschern ohne Kenntnis der Sprachen- und Lautentwicklung sei nur gewarnt.

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© Volker Arnold, zuletzt geändert am: